Dienstag, 14. Juli 2009

Kontrast und Kontraststeuerung

Dieser Tage war ich bei GM Foto in Frankfurt. Die gute Nachricht: Stopbad (die Chemie, mit der der Entwicklungsprozess der Filme nach der richtigen Zeit exakt gestopt wird. Basiert auf einer Säure, meist Essigsäure, weil Filmentwickler grundsätzlich basisches Milieu zum Arbeiten brauchen. Neutralisisert man das basische Entwickler-Umfeld durch eine Säure, hört der Entwickler schlagartig auf zu entwickeln. Der Prozess, Silber an den Stellen im Negativ anzusammeln, auf die bei der Belichtung Licht gefallen ist, ist augenblicklich beendet.) gibt es in größeren Mengen vorrätig! Erfreulich: mittlerweile bietet die Firma Tetenal ein geruchsneutrales Stopbad an.

Die schlechte Nachricht: Bisher habe ich Ilfosol S als Standard-Entwickler für HP5 Filme verwendet. Jetzt gibt es den Nachfolger Ilfosol 3, der natürlich besser, schärfer etc. ist und außerdem nach dem Öffnen länger haltbar. Was ist daran schlecht? Der Weg vom Motiv zum fertigen Abzug ist lang und führt über viele Stellen, an denen das Ergebnis beeinflusst werden kann: Die Filmbelichtung mit einer bestimmten Kamera und deren Handhabung bei der der Belichtungsmessung (welche Teile des Motivs werden angemessen, wie werden sie gewichtet), die anschließende Entwicklung nach einem bestimmten Verfahren (Entwicklungszeit, Temperatur, Bewegung der Entwicklungsdose) und die anschließende Vergrößerung.

Vielleicht ist das gut zu vergleichen mit der Überlieferung von Kochrezepten: um zuverlässig das gewünschte Ergebnis zu erhalten, hält man sich am besten präzise an die Mengenvorgaben und an die Garzeiten im Rezept. Eine kleine Abweichung hier, ein bisschen mehr davon, Gasherd statt Elektroherd und schon bekommt man ein anderes Ergebnis. Muss nicht schlechter sein, aber anders. Wenn ein bestimmtes Ergebnis erreicht werden soll, dann ist es unerlässlich, den Prozess, also den Weg zum Ergebnis zu standardisieren.

Übertragen auf die Fotografie: Technisch gesehen liegt das Ziel meist darin, eine gedanklich visualisierte Vorstellung von einem Motiv am Ende des Prozesses auf Papier zu bringen. Oder das systematisches Ausschöpfen des technischen Potentials der analogen Schwarzweiß-Bildspeicherung, vor allem unter dem Gesichtspunkt eines maximalen Tonwertreichtums. Die Erfahrung zeigt, dass Betrachter Aufnahmen als „gut“ oder „richtig“ belichtet empfinden, die den Kontrastumfang des Materials möglichst ausnutzen. Also Aufnahmen, die vom tiefen Schwarz mit Zeichnung bis zum zum hellen Weiß mit Zeichnung alle Motivdetails mit entsprechenden Schattierungen von Grau abbilden. Ein grundlegendes Problem dabei liegt darin, dass "in der Wirklichkeit" also im Motiv sehr große Kontrastumfänge herrschen können. Also der Unterschied zwischen den hellen und dunklen Stellen ist sehr groß. Direkt betrachtet ist das nicht schlimm - das menschliche Auge und die nachgelagerte Signalverarbeitung gleichen immense Unterschiede aus was dazu führt, dass man sowohl im Schatten liegende Motivbestandteile als auch gleichzeitig in der Sonne liegende Motivdetails gut erkennen kann. Beim Fotografieren ist das nicht immer so. Wenn man sich Landschaftsfotos aus dem Urlaub ansieht: der Himmel ist weiß, unterhalb des Horizonts ist die Landschaft passabel abgebildet. Wenn man beim nächsten Mal dann einfach ein oder zwei Blendenstufen "unterbelichtet", dann ist der Himmel gut gezeichnet, man sieht die Wolken schön abgebildet, dafür ist jetzt, man ahnt es schon, die untere Bildhälfte zu dunkel, teilweise nur noch schwarz, ohne Zeichnung. Es liegt also nicht alleine an der Belichtung, aber auch!

An welcher Schraube - neben der Belichtung - kann ich noch drehen? Die Entwicklung des Films wirkt sich besonders stark auf die Stellen im Film aus, auf die bei der Belichtung Licht getroffen ist. An diesen Stellen wird (im Negativ) elementares Silber angelagert, je stärker entwickelt wird, um so mehr Silber, um so dunkler die Stelle im Negativ, also um so heller im Positiv.

Zusammengefasst: Die Belichtung des Films wirkt sich vor allem auf die Schattenpartien (im Positiv) aus. Je länger belichtet wird, um so stärker werden die Schattenpartien aufgehellt. Die Entwicklung des Films wirkt sich vor allem auf die Lichter (im Positiv) aus, je stärker entwickelt wird, um so heller werden die Lichter.

Wo liegt genau das Problem? Das schwarz-weiß-Negativ hat einen sehr großen maximal möglichen Kontrastumfang. Ich weiß nicht ganz genau, wieviele Blendenstufen ein Negativ abbilden kann, also wie weit die dunkelste und die hellste Stelle mit Zeichnung maximal auseinanderliegen können. Aber eines ist sicher: Sie liegen zuweit auseinander, um sie ohne Verluste auf Fotopapier zu übertragen. Daher kommt das Phänomen (s. oben, das Urlaubslandschaftsfoto), dass auf dem fertigen Papierabzug wichtige Bildteile papierweiß und ohne jegliche Zeichnung sind. Und/oder wichtige Bildteile tiefschwarz und ohne jegliche Zeichnung sind: Der Kontrastumfang des Negativs ist zu groß, ein Fotopapier kann maximal neun Blendenstufen mit Zeichnung unterscheiden.

Also muss ich die bildwichtigen Schatten etwas heller (im Negativ dunkler) und gleichzeitig die bildwichtigen Lichter etwas dunkler (im Negativ heller) auf den Film bekommen. Dann ist der Abstand zwischen den dunkelsten und hellsten Stellen nur noch so groß, dass er ohne weitere Maßnahmen aufs Papier passt. Da ich das jeweilige Negativ nur "als Ganzes" belichten und entwickeln kann, muss ich das Ziel der Kontraststeuerung durch Drehen an den beiden genannten Stellschrauben erreichen - länger belichten und weniger stark entwickeln!

Umgekehrt gibt es natürlich auch den Fall, dass das Motiv extrem wenig Kontrastumfang hat. Je nach beabsichtigter Bildwirkung ist es dann sinnvoll, den Kontrast im Negativ zu steigern, indem kürzer belichtet und stärker entwickelt wird.

So ergeben sich unterschiedliche Kombinationen aus Belichtung und Entwicklung, die sich im Ergebnis vor allem im Kontrast des Negativs unterscheiden. Beim Zonensystem wird für jede Aufnahme zunächst der Kontrastumfang im Motiv bestimmt und darauf dann die Belichtung und die Entwicklung des Films abgestimmt. Das funktioniert natürlich nur, wenn ich einen ganzen Film vom selben Motiv unter identischen Lichtbedingungen aufnehme. Oder mit Planfilmen arbeite, dann bekommt jede einzelne Aufnahme ihre eigene Belichtung und Entwicklung. Mit Rollfilmen (egal, ob Kleinbild oder Mittelformat) wird man das Zonensystem in seiner reinen Form also eher nicht anwenden.

Hier ist also eine pragmatische Herangehensweise gefragt. Ich habe für meine "Wertrschöpfungskette" drei unterschiedliche Varianten ausprobiert, mit denen ich unterschiedliche Kontrastumfänge im Motiv berücksichtigen kann eine "normale", eine kontrastverringernde und eine kontraststeigernde. Konkret bedeutet das für den Film Ilford HP5, entwickelt in Ilfosol S, verdünnt 1+9 bei 20° C, Bewegung jeweils 10 Sekunden Kippen am Anfang jeder Minute:

  • Kontrastverringernd: Belichtungsmessereinstellung 100ASA, 3 Minuten 30 Sekunden
  • Normaler Kontrast: Belichtungsmessereinstellung 200 ASA, 5 Minuten 30 Sekunden
  • Kontraststeigernd: Belichtungsmessereinstellung 400 ASA, 8 Minuten

Interessant ist, dass der HP5 Plus eine aufgedruckte Empfindlichkeit von 400 ASA hat. Wenn man ihn mit 400 ASA belichtet (also den Belichtungsmesser auf 400 ASA einstellt) und "nach Vorschrift" entwickelt, dann ist der Kontrastumfang im Negativ zu groß, jedenfalls wenn es sich um "normale" Motivkontraste handelt. Deshalb: eine Stufe überbelichten, also Belichtungsmesser auf 200 ASA stellen und etwas kürzer entwickeln. So ergeben sich dann die Werte in der Tabelle, 200 ASA als Normaleinstellung, 100 ASA nimmt den Kontrast zurück, 400 ASA verstärkt den Kontrast. Wie gesagt - das sind die Werte, die ich ausprobiert habe und die bei mir gut funktionieren, vielleicht kann man sie als Ausgangswerte für eigene Tests verwenden. Man kann sicherlich auch die Werte aus den Beipackzetteln als Startwerte benutzen. Wichtig ist an dieser Stelle: testen, ausprobieren.

Auch wenn es möglicherweise nicht der "reinen Lehre" entspricht, es gibt ja im Positiv-Labor noch ein paar Möglichkeiten, Fehler im Negativ zu kompensieren. Also beispielsweise ein zu kontrastreiches Negativ auf etwas weicheres Papier zu vergrößern. Sollte allerdings eher die Ausnahme sein, weil dabei immer Kompromisse einzugehen sind, beispielsweise in Bezug auf die Tonwerte. Wenn ich 85% meiner Negative auf Papiergradation 1,5 (also auf sehr weiches Papier) vergrößern muss, um ein halbwegs passables Ergebnis zu bekommen, dann stimmt etwas nicht.

Für die ersten Filme, die in meiner neuen Dunkelkammer entwickelt werden, habe ich noch ein paar Flaschen Ilfosol S:
Damit komme ich ein Stück weit, aber ich muss auf jeden Fall eine neue Testreihe mit dem neuen Entwickler machen. Das ist Aufwand - siehe oben - und deshalb ist es zwar schön, dass es einen neuen, verbesserten Entwickler Ilfosol 3 gibt, aber eine schlechte Nachricht, dass es Ilfosol S nicht mehr gibt.

Link zum Thema: Wie kommt der Film in die Entwicklungsdose?

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen